Die ZDV-Historie

 

Köln 1840. Der Wirt des Gasthofs „Zu den Heiligen Drei Königen“ unweit vom Domplatz freute sich: Zahlreich waren Adel, Bildungsbürger, reiche Kaufleute und  Kirchen-Vertreter zusammengekommen im geräumigen Hinterzimmer des Gasthofs. Bier- und Weindunst, der Duft von Gebratenem, Tabakschwaden und die Geräuschkulisse der Gespräche erfüllten den Raum. Schließlich erhob sich einer unter ihnen: der Kaufmannssohn und Kunstsammler Sulpiz Boisserée, der sie alle zusammengebracht hatte an diesem Abend. Es wurde still.
„Fast 600 Jahre sind vergangen“, hub er zu sprechen an, „da der
Kölner Erzbischof in Anwesenheit des Königs den Grundstein für eine gotische Kathedrale nach französischem Vorbild legte – auf dem Boden, der viele Vorgängerkirchen getragen hat. Und schon über 300 Jahre ist es her, dass die Bauarbeiten eingestellt wurden. Der Dom-Torso ist eine Schande für unsere Stadt! Lasst uns dafür sorgen, dass er endlich fertiggebaut wird!“
So laut brandete die Zustimmung auf und so heftig der Applaus, dass die Gäste nebenan erschrocken aufblickten. Sie konnten nicht wissen, dass soeben der Startschuß zur Rettung eines der großartigsten Kirchenbauten der Welt gefallen war.


Der Dom kurz vor der Vollendung
(Westfassade  mit Dombauhütten
im Vordergrund)

So ähnlich könnte es gewesen sein, als Vertreter der oberen Gesellschaftsschicht, Männer mit Geist, Bildung und Vermögen, sich anschickten, einen Verein zu gründen mit einem einzigen Ziel: den im 13. Jahrhundert, der Blütezeit der Gotik, begonnenen Bau des Kölner Doms Jahrhunderte später und noch zu ihren Lebzeiten vollendet zu sehen.
Dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. muss die Idee gefallen haben: Ende November 1840 erteilte er den Bittstellern die Erlaubnis, einen Verein zur Förderung der Domvollendung zu gründen. Mehr als das: Er versprach, den Verein alljährlich mit 10.000 Talern – das wären heute 1,5 Millionen Euro – zu unterstützen.

Am 3. September 1840 versammelten sich im Kölner Rathaus exakt zweihundertundzwei Domfreunde, um die Vereinsgründung vorzubereiten. Dazu wählten sie einen Ausschuss, der die Vereinsstatuten diskutieren und aufschreiben sollte, die dann wiederum dem König vorzulegen waren. Seine Majestät gab am 23. November 1840 sein Placet. Eine Generalversammlung aller bis dato Beteiligten verabschiedete am 13. April 1841 das Statut und legte es dem König wiederum zur Begutachtung vor, der am 8. Dezember 1841 das Dekret erließ, das den Auftrag zur Gründung des Vereins enthielt. Am 14. Februar 1842 fand die erste Generalversammlung des Vereins im Gürzenich statt. Die rechtliche Grundlage, auf der dies geschah - eine Kabinettsorder seiner Majestät – hat noch heute Gültigkeit, und deshalb ist der ZDV einer der ganz wenigen noch existierenden Altrechtlichen Vereine. Zu seinem ersten Präsidenten wählte der ZDV eine bedeutende Kölner Persönlichkeit: Heinrich von Wittgenstein, der Aufsichtsratsvorsitzende der Cöln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft und spätere Kölner Regierungspräsident.
Das Statut der vielleicht ältesten Bürgerinitiative der Welt bestimmt, dass dem Vorstand nicht nur gewählte, sondern auch „geborene“ Mitglieder angehören. Natürlich nicht irgendwelche: Der Kölner Oberbürgermeister, der Kölner Dombaumeister – aktuell eine Dombaumeisterin – und ein dazu delegiertes Mitglied des Domkapitels (zur Zeit der amtierende Kölner Dompropst) waren und sind Personen, denen schon allein qua Amt der Dom überaus wichtig ist. Das gilt auch für den Erzbischof von Köln, der stets gebeten wird, den Ehrenvorsitz im Gesamtvorstand zu übernehmen.

Plan zur Neugestaltung
der Kölner Domumgebung
Oktober / November 1816

Der ZDV war also gegründet. Und was war nun vor allem zu tun, damit der Vereinszweck erfüllt werden konnte, also das gotische Gotteshaus nach den Originalbauplänen des 13. Jahrhunderts zu vollenden? Die besten Bauleute und Handwerker finden? Gott um seinen Segen bitten? Gewiss – aber das Wichtigste war profaner: Es bedurfte immenser Geldmittel.
Die ZDV-Gründer steckten all ihren Einfluss und ihr Bemühen in die Mitgliederwerbung und Spendensammlung. Sie stießen bei vielen Wohlhabenden, nicht nur in Köln, sondern auf der ganzen Welt auf offene Ohren. Europaweit bildeten sich Hilfsvereine, sogar in Mexiko und Brasilien gab es Menschen, die sich engagierten.
Die Idee, eine Lotterie zu veranstalten, lag nahe – und wurde 1852 vom Vorstand erstmal abgelehnt. Ein Glücksspiel für den Dom? Unmöglich! Was macht denn das für einen Eindruck! (Die moralischen Grundsätze und Wertvorstellungen jener Zeit waren ein wenig anders als heute.)
Aber 1864 besann man sich womöglich des lateinischen Worts „pecunia non olet“ – jedenfalls überlegte der Vorstand es sich anders: Alles für den Dom! Die erste Ziehung der Dombau-Lotterie datiert vom 4. September 1865. Ab diesem Zeitpunkt unterstützte der Verein den Dombau mit jährlich zwischen 90.000 und 170.000 Taler (13,5 bis 25,5 Millionen Euro). Im Jahr 1869 kamen volle 80 Prozent der Baukosten aus der ZDV-Schatulle.

Insgesamt hat der ZDV seit seiner Gründung bis heute 1,4 Milliarden Euro aufgebracht: Für die Fertigstellung des Doms bis 1880 waren es 60 Prozent der Gesamtkosten von 6,63 Millionen Talern (entspricht rund einer Milliarde Euro); die Freilegung, die von 1863 bis 1902 dauerte, bezahlte der Verein komplett (konkret 4,95 Millionen Taler – nach heutigem Wert 742,5 Millionen Euro); und schließlich hat der ZDV von 1949 bis heute* im Durchschnitt 50 Prozent der Kosten (insgesamt knapp 200 Millionen Euro) für die Domerhaltung getragen.
Die ZDV-Gründer sammelten aber nicht nur Geld. Für eine Glocke zum Beispiel konnte man doch gleich um das Material bitten, statt den Umweg übers Zahlungsmittel zu nehmen. Und so ließ sich der deutsche Kaiser Wilhelm I. 1872 dazu überreden, zweiundzwanzig erbeutete französische Kanonen abzutreten, damit daraus eine Glocke für den Kölner Dom gegossen werden konnte.

15. Oktober 1880 – der große Tag!
Mit einem Riesenfest, bei dem sich auch das Kaiserpaar und alle deutschen Fürstenhäuser die Ehre gaben, feierten die Kölner die Vollendung des Hohen Doms zu Köln, vierzig Jahre nach dem Beschluss einer Handvoll Menschen, sich dieser ungeheuren Herausforderung zu stellen.

Kaiser Wilhelm I. kommt zur
Feier der Domvollendung


 

Also ein Happy End?

Ein vorläufiges. Zwar verkündete der Dombaumeister Karl Eduard Richard Voigtel im Jahr 1902, der Dom werde ein Jahrhundert lang    ohne     Restaurierung auskommen. Aber wie wir wissen, war das ein großer Irrtum. Schon 1903 wusste es auch Voigtel: sein Nachfolger Bernhard Hertel wies Witterungsschäden am Dom nach. Und als ob es eine Warnung sei, fiel 1906 ein großer Steinbrocken herunter, direkt vor das Hauptportal – gerade als die Hochamtsbesucher den Dom verließen. Wie durch ein Wunder wurde keiner von ihnen  getroffen...

Und so nahm die unendliche Geschichte des ZDV ihren Anfang.

*Stand: 2009

 

 

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(17.9.2009)

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