Die ZDV-Historie
„Fast 600 Jahre sind vergangen, da der Kölner Erzbischof in Anwesenheit des Königs den Grundstein für eine gotische Kathedrale nach französischem Vorbild legte – auf dem Boden, der viele Vorgängerkirchen getragen hat. Und schon über 300 Jahre ist es her, dass die Bauarbeiten eingestellt wurden. Der Dom-Torso ist eine Schande für unsere Stadt! Lasst uns dafür sorgen, dass er endlich fertiggebaut wird!“ Für seine Worte erntete Sulpiz Boisserée begeisterte Zustimmung und lebhaften Applaus der illustren Runde, die sich im Jahr 1840 auf Einladung des Kaufmannssohnes und Kunstsammlers im Gasthof „Zu den Heiligen Drei Königen“ eingefunden hatte.
Es waren Vertreter aus Adel, Bildungsbürgertum, Wirtschaft und Kirche, die an diesem denkwürdigen Datum die Wiederaufnahme der Arbeiten an der seit dem 16. Jahrhundert als riesiger Torso das Stadtbild beherrschenden Kathedrale beschlossen. Seit 1808 hatte Boisserée von der Vollendung der gotischen Kathedrale geträumt. 1815 erhielt er aufgrund glücklicher Umstände vom französischen Diplomaten, Staatsmann und Schriftsteller deutscher Herkunft, Karl Friedrich Reinhard, den mittelalterlichen Domfassadenplan des Dombaumeisters. Die Zeit schien nun gekommen, einen eigenen Verein mit dem alleinigen Zweck zu gründen, den 1248 begonnenen Dombau zu vollenden. Am 3. September 1840 versammelten sich dazu im Kölner Rathaus zweihundertundzwei Freunde und Förderer des Domes, um die Vereinsgründung vorzubereiten. Ein Ausschuss wurde gewählt, der die Vereinsstatuten diskutieren und aufschreiben sollte, um sie dann dem preußischen König zur Genehmigung vorzulegen. König Friedrich Wilhelm IV., der schon als Kronprinz von Sulpiz Boisserée bei einem Aufenthalt in Köln für die Idee des Weiterbaus begeistert worden war, erteilte am 23. November 1840 die Erlaubnis, einen Verein zur Förderung der Domvollendung zu gründen. Zudem sicherte er zu, den Verein jährlich mit 10.000 Talern – das wären heute etwa 1,5 Millionen Euro – zu unterstützen. Eine Generalversammlung aller bis dato Beteiligten verabschiedete am 13. April 1841 das Statut und legte es dem König wiederum zur Begutachtung vor, der am 8. Dezember 1841 das Dekret erließ, das den Auftrag zur Gründung des Vereins enthielt. Am 14. Februar 1842 fand im Gürzenich die erste Generalversammlung des Vereins statt. Hierfür war eine Kabinettsorder des Königs die rechtliche Grundlage. Diese hat übrigens heute noch Gültigkeit. Deshalb ist der ZDV einer der wenigen noch existierenden sogenannten Altrechtlichen Vereine. Zu seinem ersten Präsidenten wählte der ZDV eine bedeutende Kölner Persönlichkeit: Heinrich v. Wittgenstein, Aufsichtsratsvorsitzender der Cöln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft sowie später Kölner Regierungspräsident. Das Statut der vielleicht ältesten Bürgerinitiative der Welt bestimmt, dass dem Vorstand nicht nur gewählte, sondern auch „geborene“ Mitglieder angehören. Der Kölner Oberbürgermeister, der Kölner Dombaumeister – aktuell eine Dombaumeisterin – sowie ein delegiertes Mitglied des Domkapitels (zurzeit der amtierende Kölner Dompropst) sind Personen, denen schon allein qua Amt der Dom überaus wichtig ist. Das gilt auch für den Erzbischof von Köln, der stets gebeten wird, den Ehrenvorsitz im Gesamtvorstand zu übernehmen.
Nach der Vereinsgründung nutzten die ZDV-Gründer ihren Einfluss und ihre Reputation zur Mitgliederwerbung und Spendensammlung. Schließlich bedurfte es neben herausragenden Bauleuten und Handwerkern sowie Gottes Segen auch eines immensen finanziellen Aufwands, um das Gotteshaus nach den Originalbauplänen des 13. Jahrhunderts zu vollenden. Die Resonanz war überwältigend: Weltweit fanden sich Freunde und Förderer, europaweit bildeten sich Hilfsvereine. Da lag die Idee nahe, eine Lotterie zu veranstalten. Doch die Zeit war hierfür noch nicht reif, der ZDV-Vorstand lehnte dies im Jahr 1852 zunächst ab. Glücksspiel für den Dom? Unmöglich! Doch schon 1864 hieß es: Alles für den Dom! So kam es kurz darauf, am 4. September 1865, zur ersten Ziehung der Dombau-Lotterie. Ab diesem Zeitpunkt unterstützte der Verein den Kölner Dombau mit jährlich zwischen 90.000 und 170.000 Talern (etwa 13,5 bis 25,5 Millionen Euro). Im Jahr 1869 kamen sogar 80 Prozent der Baukosten aus der ZDV-Schatulle. Insgesamt hat der ZDV seit seiner Gründung bis heute 1,4 Milliarden Euro aufgebracht: Für die Fertigstellung des Doms bis 1880 waren es 60 Prozent der Gesamtkosten von 6,63 Millionen Talern (rund eine Milliarde Euro). Die Freilegung, die von 1863 bis 1902 datiert, bezahlte der Verein komplett (4,95 Millionen Taler – nach heutigem Wert 742,5 Millionen Euro). Schließlich hat der ZDV von 1949 bis heute* jährlich im Durchschnitt die Hälfte der Kosten (insgesamt knapp 200 Millionen Euro) für die Domerhaltung getragen.
Die ZDV-Gründer sammelten aber nicht nur Geld, sondern auch Material. Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang beispielsweise die Entstehung von einer der Domglocken. Der deutsche Kaiser Wilhelm I. ließ sich im Jahr 1872 dazu überreden, zweiundzwanzig erbeutete französische Kanonen abzutreten, damit daraus eine Glocke für den Kölner Dom gegossen werden konnte. Vierzig Jahre nachdem eine Gruppe entschlossener und von ihrer Idee begeisterter Menschen die Herausforderung angenommen hatte, den Dombau wiederaufzunehmen, wurde am 15. Oktober 1880 die Feier der Domvollendung begangen. Das deutsche Kaiserpaar sowie Angehörige aller deutschen Fürstenhäuser gaben sich die Ehre bei diesem prächtigen Fest, das gleichwohl nur ein vorläufiges Ende des Dombaus markierte, denn: Der Dom wird niemals fertig und wird immer auf Freunde angewiesen sein, die ihn unterstützen. Zwar verkündete im Jahr 1902 der damalige Dombaumeister Karl Eduard Richard Voigtel, dass die Kathedrale ein Jahrhundert lang ohne Restaurierung auskommen werde. Aber wie wir wissen, war das ein großer Irrtum. Schon 1903 wusste es auch Voigtel: Sein Nachfolger Bernhard Hertel wies Witterungsschäden am Dom nach. Es mutet daher schon fast wie eine Warnung von oben an, als im Jahr 1906 ein großer Steinbrocken in dem Moment vor das Hauptportal fiel, als die Besucher des Hochamts den Dom verließen – Gott sei Dank kam jedoch niemand zu Schaden. *Stand 2009
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